Armut

  • Olympia-Kritik: Illusion weicht der Wirklichkeit

    Illusion

    Am 5. August sind die olympischen Spiele in Brasilien in Rio de Janeiro gestartet. Ein 16 tägiges Fest in bunter brasilianischer Atmosphäre hat begonnen, in dem es keine Diskriminierung gibt und wovon wirklich alle profitieren. Plötzlich ist die Stadt sauber, die Guanabarabucht für den Wassersport endlich glasklar und die ganze Stadt hat ein Lächeln auf den Lippen. Weit gefehlt.

    Leichenteile in der Guanabarabucht

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    Als 2009 der Austragungsort für die olympischen Sommerspiele 2016 bekanntgegeben wurde überwog noch genau diese Euphorie. Die ernüchternde Wahrheit aber stinkt, im wahrsten Sinne des Wortes, bis zum Himmel. Die Guanabarabucht, die bis zum 5. August eigentlich um 80 Prozent hätte gesäubert werden müssen, wimmelt noch vor Müll, Fäkalien und (besonders eklig) sogar einigen Leichenteilen. In den armen Favelas (Vierteln) Rios hat sich ebenso wenig geändert. Die Hoffnung, dass alle Bevölkerungsgruppen, und laut Präsidenten besonders die Armen, von den Spielen profitieren würden gleicht sich dem Klischee-Blümchen-Bild der Spiele an.

    Die Austräger und Befürworter bemühen sich noch immer vergeblich, die olympischen Spiele und deren Umfragewerte in ein besseres Licht zu rücken. Olympia wird immer mehr aufgebauscht, und das in einer Stadt in der organisierte Kriminalität, Gewalt und Armut an der Tagesordnung stehen. Rio inszeniert sich als Traumreiseziel mit dem Vorbild des Karnevals, der in aller Welt bekannt ist. Keine Rede ist jedoch von den immensen sozialen Problemen in der Stadt.

    Rund-um-die-uhr-Übertragung

    Deutschlands Rundfunkmedien ziehen dabei hundertprozentig mit. 16 Stunden werden die Spiele hier live übertragen. Nur wenn Rio schläft, also am Vormittag, stoppen die Beiträge über Olympia im ARD und ZDF. Die Einnahmen des IOC durch den Verkauf von Senderechten ist 2016 auf ca. 2,9 Mrd. Euro gestiegen. Auch Deutschland wird sich an diesem Betrag mit Steuergeldern beteiligt haben. Die Einnahmen gehen aber nicht an Rio, sondern an den IOC selbst und die Sportverbände.

    Notstand in Rio

    Die Wirtschafts- und Politkrise Brasiliens hat Rio in eine verzwickte Lage gebracht. Es werden Milliarden (offiziell rund 11 Md.) Euro in pompöse Bauten und Stadien, neue Infrastrukturen und in das mehr oder weniger akzeptable Olympiadorf gesteckt. Laut Politikern kommt gerade die Infrastruktur der ärmeren Bevölkerung zugute. Dass diese dem Olympiadorf in Zukunft einen Besuch abstatten werden, ist allerdings höchst unwahrscheinlich. Vor wenigen Wochen erst musste Rios Gouverneur wegen Zahlungsunfähigkeit der Stadt den Notstand ausrufen.

    Eine Stadt im Notstand richtet die olympischen Spiele aus. Allein dieser Satz bringt leichten Zynismus hervor.

    Hingepfuscht

    Die brasilianische Opposition gegen die olympischen Spiele weist auch immer wieder auf die verdrängten Armenviertel hin, die Platz machten für z.B. das olympische Dorf. Den rund 10.000 Athleten ist dieses laut einigen Aussagen nicht gut genug. Abflüsse und Wasserversorgungen funktionieren teilweise nicht richtig. Das deutsche Quartier hat mit Stromausfällen zu kämpfen.  Auf den letzten Drücker und mit wenigen finanziellen Möglichkeiten wurde das Dorf hingepfuscht.

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    Dass große sportliche Wettkämpfe Brasilien nicht den erhofften Wohlstand bringen, hätte spätestens vor  zwei Jahren während der Fußballweltmeisterschaft klar werden müssen. Den Armen hat auch dieser Wettkampf wenig genützt. Aber genau diese Armut ist es, die Brasilien zu einem durch Drogenhandel und Gewalt vergiftetes Land eine Basis bietet.

    Rivaldo warnt vor Einreise

    Ehemaliger Weltfußballer (1999) Rivaldo warnt die Menschen sogar vor einem Besuch der olympischen Spiele in Rio. Er postet das Bild eines durch Raubmord umgekommenen 17-Jährigen Mädchens und sagt, dass Besucher sich während der Spiele in Lebensgefahr begeben könnten und sich die Situation in Brasilien immer weiter verschlimmere.

    Augenzeugen wie er, die die Situation in Rio tatsächlich beurteilen können durchbrechen immer wieder den Deckmantel des Festes und der überschwänglichen Freude. Sport kann nicht so wichtig sein wie soziale Ungerechtigkeit. Olympia kann aber dazu genutzt werden auf genau diesen Missstand aufmerksam zu machen. Hinter die „Herren der Ringe“ zu schauen ist dieses Jahr nun mal besonders wichtig.

     

    Quellen:

    • http://img.welt.de/img/olympia/crop152717705/9676932924-ci3x2l-w900/One-Year-Out-Rio-Continues-Preparations-For-The-2016-Olympics.jpg
    • http://bilder.bild.de/fotos-skaliert/brasilianisches-militaer-bewacht-das-olympische-dorf-in-rio-200063091-47089306/2,w=650,c=0.bild.jpg
    • Beitragsbild: http://www.deutschlandradiokultur.de/media/thumbs/2/282e9c1363e0cdde850790b871d4848av1_abs_635x357_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.jpg

     

  • Armut im Alter?

    Deutschland wird älter. Das lässt sich ganz wörtlich nehmen, denn die Lebenserwartung der Deutschen war noch nie höher. Durch moderne medizinische Versorgung leben wir länger, sagt zumindest der Durchschnitt. Eine geringere Geburtenrate trägt außerdem dazu bei, dass weniger „Nachschub“ kommt. Konnte Deutschland Anfang des 20. Jahrhunderts noch eine klassische Pyramide (viele Junge, wenige Alte) vorweisen, dominieren jetzt die geburtenstarken Nachkriegsjahrgänge das Feld.

    Diese kommen jetzt in das Alter, in dem der Hammer fällt. Habe ich genug gearbeitet? Wird meine Rente reichen? Soll ich in Armut leben, obwohl ich fast fünfzig Jahre lang geschuftet habe? Das Durchschnittsalter steigt, aber das Rentenniveau sinkt dramatisch. Viele ältere Menschen sind auf äußere Hilfe angewiesen, oft sogar Tafeln. Ein würdevolles Altern wird mit der staatlichen Rente kaum noch gewährleistet. Ohne eine Rente, die mit Kapital gedeckt ist, werden viele angehende Rentner bald von der Armut bedroht. Und das im Deutschland des 21. Jahrhunderts.

    Die Riesterrente konnte dieses Problem nicht lösen. Gerade Geringverdiener schließen oft keinen Riestervertrag ab und eine betriebliche Altersvorsorge gibt es oft auch nicht. Selbst für die 70 Prozent, die durch eine Riesterrente abgesichert sind, wird das Geld bei Weitem nicht immer ausreichen.

    Eine privat finanzierte Altersvorsorge scheint mittlerweile unvermeidbar. Deshalb kommt aus Hessen derzeit ein wild diskutierter Vorschlag einer „Deutschlandrente“, d.h. eine staatlich organisierte Zusatzrente. Alle sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten soll diese als eine Standardoption angeboten werden.

    Die Deutschlandrente könnte einen Kompromiss zwischen vorgeschriebener Zusatzrente, die viele Arbeitnehmer in ihrer Freiheit nach Eigenbestimmung einschränken würde, und komplett privat finanzierter Zusatzrente sein, die Geringverdiener oftmals nicht wählen. Sie könnte das Spektrum zur Absicherung erweitern.

    Die von der Bundesregierung angestrebten Reformen, sowie eine Art Deutschlandrente, sind laut deutscher Demographie auch bitter nötig. Es wird im Verhältnis nur wenige junge Menschen geben, die die Altersvorsorge der kommenden älteren Generationen finanzieren.

    Die Generation, die Deutschland aufgebaut, bearbeitet und gebildet hat, sollte nicht in eine solche Zukunft blicken müssen.

     

     

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    Text: Larissa B.
    Bild: http://goo.gl/GJRwMk

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