Die Zahl-was-du-willst-Kultur

Zahlen, wie viel man will

Die Studenten strömen endlich wieder in die Straßen. Es sind Semesterferien. Die Klausuren sind vorbei, und die Bibliothek wird endlich wieder gegen die großen Studentenstädte Deutschlands eingetauscht. Und was macht ein Student, der über Wochen nichts Anderes gesehen hat, als seinen Schreibtisch? Richtig, er trinkt! Nur woher das Geld nehmen? Das Bafög wurde wieder gekürzt, und es ist Ende des Monats. Die neue „Zahl-was-du-willst-Kultur“ macht diesen Problemen ein Ende.

Mittlerweile haben sich schon hunderte Bars, Restaurants, Theater, Fitness- und Yogastudios diesem Trend angeschlossen. Eine Preisliste gibt es nicht. Meist zahlt ein Besucher ein Grundpreis für ein Glas (z.B. in der Weinerei in Berlin sind es 2 Euro) und darf dann nach Belieben Wein trinken. Es gilt das Prinzip der Selbstbedienung. Kurz bevor man geht bezahlt man einen für sich angemessenen Betrag.

Das Konzept Beruht auf Solidarität

Ein Student zahlt in diesem Fall weniger als ein erfolgreicher Geschäftsmann. Das Konzept beruht ganz auf der Aufrichtigkeit und der Solidarität der Kunden. Nach einem Theaterbesuch zahlt man vielleicht auch nur so viel wie einem die Performance wert war.

Aber kann so etwas funktionieren? Sind die Menschen nicht viel zu unehrlich? Zahlen nicht Dutzende überhaupt nicht? Natürlich gibt es einige schwarze Schafe, die aus diesem Deal mehr Vorteile schlagen, als sie benötigen. Trotzdem scheint das Konzept immer besser zu funktionieren. Durch das große Angebot sind die besagten Läden immer voll.

Soziale Interaktion ist für die Philosophen der Zahl-was-du-willst-Kultur ein Recht, das jeder genießen sollte. Es fördert den kulturellen Austausch und den Zusammenhalt zwischen den Anwohnern. Es geht hier nicht um Almosen, oder um reiche Erben, die den Studenten ihren Rausch finanzieren. Denn Menschen sind anscheinend doch nicht so egoistisch wie bisher vermutet. Vielmehr geht es um eine gemeinsame gute Zeit.

Es gibt auch Ausnutzer

Unter den Anwohnern herrscht also in der Weinerei in Berlin weitgehende Solidarität. Nur hat sich die Popularität des Ladens auch unter Touristen rumgesprochen. Viele von ihnen nutzen die Anonymität natürlich aus. Helfen könnte ein Richtpreis, quasi ein Apell an die Moral der Kunden.

In einem Yoga-Zentrum in Neukölln geht man beispielsweise ohne Anmeldung zu den Kursen und bezahlt bewusst bei der Lehrerin. Es gibt vier Abstufungen pro Stunde (7, 9, 11, und 13 Euro). Da man der Lehrerin direkt in die Augen schaut geben die Richtigen Leute viel, und die Richtigen wenig.

Für alle Institutionen ist ein solches Bezahlungskonzept sicher aber nicht möglich. Die besagten Restaurants leben von ihrer Einzigartigkeit. Jeder neue Laden würde immer auf Messers Schneide stehen. Ein solche Entscheidung ist nur mit einem Rückhalt möglich.

 

 

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