Tinder

  • Wie Tinder den Nachwuchs gefährdet

    Beim Starbucks seine Nummer auf den Kaffeebecher zu kritzeln ist ja so 2003. Heute verliebt man sich über Tinder. Jedenfalls trifft man sich über Tinder. Für alle, die den Satz „Ich habe einen Freund/ eine Freundin“ satt haben, sortiert die App alle paarungswilligen Individuen aus der näheren Umgebung heraus. Quasi wie auf dem Fleischmarkt.

    Die App scheint für Singles nur Vorteile zu versprechen. Sie ist effizienter als alles andere. Der Nutzer bekommt einen Katalog an möglichen Gesprächspartnern präsentiert, der mit einzelnen Profilbildern abgearbeitet werden kann.  Mit einem „Swipe“ nach rechts, gibt man an, ob der Mann der sich mit prollig angespanntem Bizeps vor dem Badezimmerspiegel präsentiert, gefällt. Wenn nicht, kann man mit einem Swipe nach links direkt zum nächsten Kandidaten übergehen.  Kommunikation wird nur möglich durch einen beidseitigen Rechts-Swipe.

    Bei Tinder geht es um den ersten Augenblick, vielleicht sogar nur um Instinkt. Im echten Leben gibt es viele Verfechter, die sexuelle Anziehung als Fundament für Liebe ansehen. Tinder scheint ihre Inspiration und ihr Himmel zugleich. Nur geht es bei Tinder  in den wenigsten Fällen um Liebe. Zu aller erst geht es um das menschliche Ego.

    Es gibt zwei Arten von Tinder-Nutzern: Die Jäger und die Sammler.

    Der Jäger streicht nur nach rechts wenn ihm ein Objekt tatsächlich gefällt. Denn er ist auf Raubzug. Von ihm kommen mehr oder weniger kreative Anmachsprüche wie „Wir können unseren Eltern ja sagen wir haben uns auf Elite-Partner kennen gelernt“ oder  „Hey, hast du Bock?“. Trifft der Jäger auf einen weiteren Jäger gelingt es ihm meistens eine Antwort zu bekommen, und vielleicht auch eine Nacht mit besagtem Objekt.

    Der Sammler antwortet  in der Regel nämlich nicht, egal wie wortgewandt der Spruch war. Er hält sich vor Augen, was es da draußen potenziell geben könnte. Er sammelt sogenannte „Matches“, die angezeigt werden, wenn gegenseitiges Interesse gezeigt wurde. Wie viele Objekte, die ich ansehnlich finde, finden auch mich gut? Für Sammler ist Tinder ein Spiel. Ein Spiel, das oft auch von Menschen in Beziehungen gespielt wird.

    Der Jäger ist nicht die Art von Tinder-Nutzer, der die Liebe gefährdet.  Er oder sie ist die Art von Womanizer oder Maneater, die es auch schon vor Tinder gegeben hat. Die Herzensbrecher haben mit Tinder nur bessere Voraussetzungen.

    Die Sammler jedoch, die wahrscheinlich den größten Anteil der Tinder-Nutzer ausmachen, die sind gefährlich. Warum? Die machen doch nichts.

    Doch, sie befeuern diese unwiderrufliche Idee in den Köpfen der jungen Leute, dass es da draußen immer etwas Besseres gibt. Ob real oder nicht ist dabei irrelevant. Angst vor Ablehnung gibt es bei Tinder nicht. Man erfährt nur wer interessiert ist, nicht wer eine Abfuhr erteilt.

    Deshalb hält keine Beziehung mehr, deshalb zieht man raus mit dem Freiheitsgefühl eines Piraten, um das Schiff der Singles unsicher zu machen.  Entern tut man damit aber keine neue, noch bessere Liebe. Was antreibt, ist diese unerträgliche Panik vor Bindung. Bindung an einen einzigen Menschen in einer Tinderwelt, in der weitere attraktive Objekte immer abrufbereit sind, wirkt wie ein Hindernis zu der Freiheit, die die junge Generation in ihren Weltreisen sucht.

    Macht Tinder uns also immun für Bindung und Familie? Tinder lässt uns abstumpfen. Ungeachtet derer, die bei der App tatsächlich die „wahre Liebe“ finden, wird Liebe hier zu einem sexuell-mechanischem Prozess. Mühe gibt sich im echten Leben keiner mehr, wartet bei Tinder schließlich eine bequemere virtuelle Gelegenheit. Der All-you-can-eat-Kapitalismus von Tinder wird wenige Familien zur Folge haben. Höchstens jene, die aus einem geplatzten Kondom heraus entstanden sind.

    Ist das also unsere Zukunft – Selbstzerstörung und Abstumpfung bei Tinder, gefolgt von Beziehungen, die nicht lange halten? Draußen läuft schließlich, sagt zumindest Tinder, noch immer was Besseres rum.

     

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    Test: Larissa B.
    Bild: http://goo.gl/A1ZwdQ

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