Piano News (06-2016)
Artikelnummer: 90682-0006-2016

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Sprache Deutsch
EAN 4196051605908
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Marina Baranova
Kreative Freiheit als Prinzip
Von: Carsten Dürer

Mit Mitte 30 ist die in der Ukraine aufgewachsene Pianistin Marina Baranova eine gestandene Künstlerin, eine mit vielen eigenen Ideen. Soeben erschien ihre bereits dritte CD, die weit über die Grenzen von Standard-Interpretationen hinausgeht, die das freiheitliche Denken einer Künstlerin als Vermittlerin von Musik dokumentiert. Mit „Hypersuites“ hat Marina Baranova ihren bisherigen Programmen eines hinzugefügt, das zeigt, wie man sensibel und innovativ mit großer Musik umgehen kann, ohne sie nur vordergründig als Ausgangspunkt für eine Art von Selbstdarstellung zu nutzen. Wir wollten mehr über diese Künstlerin erfahren, die schon mehrfach mit innovativen Ideen und Projekten die Modernität von Klaviermusik im Umfeld anderer Genres zu vermitteln verstand, und trafen uns mit ihr.

Marina Baranova hat ein durchweg einnehmendes Wesen. Man sitzt einer Künstlerin gegenüber, die mit einem offenen und wahren Blick aus ihren großen Augen während des Sprechens Begeisterung für ihre Ansichten und ihre Ideen zu transportieren versteht. Soeben ist ihre dritte CD-Einspielung erschienen, die den Titel „Hypersuites“ trägt. Es handelt sich dabei um barocke Meisterwerke wie Stücke aus François Couperins „Pièces de Clavecin“, Werke von Johann Sebastian Bach, eine Suite von Jean-Philippe Rameau und Werke von Georg Friedrich Händel. Doch Marina Baranova hat hier nicht nur eine Zusammenstellung von Suiten aus der Barockzeit vereint: Sie hat die meisten der einzelnen Sätze der Kompositionen verändert. Ja, richtig, sie hat diese Musik als Ausgangspunkt für persönliche Erweiterungen improvisatorischer Art genommen. Dabei hat sie den Werken aber keine Gewalt angetan, ganz im Gegenteil: Sie hat sich als Künstlerin in diese Musik mit eigenen Gedanken eingebracht, so wie es in der Barockzeit durchaus üblich war, in der Werke nicht immer so gespielt wurden, wie sie einmal niedergeschrieben waren. Und man muss zudem – selbst bei guter Kenntnis der Werke – genauestens hinhören, will man wirklich erkennen, wo Baranova in die Musik eingegriffen hat, wo sie sich selbst einbringt.

Grundlagen
Doch Marina Baranova wurde erst einmal rein klassisch ausgebildet, ihre Eltern sind beide Pianisten. Wobei dort schon eine Beeinflussung für unterschiedliche Stilrichtungen vorlag, denn die Mutter spielt klassisches Klavier, der Vater aber Jazz. „Meine Eltern haben natürlich auch eine klassische Ausbildung, mein Vater hat Klavier und Geige studiert, hat aber immer schon Jazz gespielt, auch schon zu Studienzeiten. Später hat er dann nur noch Jazz gespielt. Er hat daneben eine Methode entwickelt, wie man Kindern Improvisation und das Spielen nach dem Hören beibringt. Meine Mutter ist allerdings eine eher akademisch-klassische Pianistin, was auch eher ihrem Typ entspricht.“ Marina Baranova wuchs also unabhängig von Genre-Einteilungen auf, erklärt sie, sondern unterschied von Anbeginn eher „gute“ und „weniger gute“ Musik für sich. Hat ihr Vater sie denn auch an das Improvisieren herangeführt? „Er hat es nicht getan“, erklärt sie lächelnd, „denn er war der Meinung, wenn man klassische Musik spielt, sollte man gerade als Kind darauf verzichten, Jazz zu spielen oder zu improvisieren, da man erst die klassische Ästhetik entwickeln sollte. Das bedeutet, das Spiel entwickelt, das den Klang formt und die Strukturen folgt, die ja in der Klassik sehr streng sind. Diese Grenzen sollte man als Kind kennen. Daher hat er mich nicht unterrichtet, aber ich habe natürlich zugehört, wie er andere unterrichtete.“ Ein Verbot des Improvisierens gab es für die kleine Marina allerdings nicht, sie erinnert sich, dass sie – als sie das Klavierspiel mit drei Jahren begann – Bilderbücher von ihrer Mutter auf das Klavierpult gelegt bekam, um dann eine Geschichte auf dem Instrument dazu zu erfinden, eine Art „Soundtrack“, wie sie es heute nennt. Auf dem Notenpult sollte für das Kind auch etwas stehen, da sie es gewohnt war, dass auch die Eltern beim Spiel immer etwas auf dem Pult stehen hatten. „Erst später war das Spiel nach Noten für mich die Grundlage“, erklärt die Pianistin. Unterricht erhielt sie im Alter von fünf Jahren, aber nicht etwa bei der Mutter, sondern an einer Musikschule in Kharkov, ihrer Heimatstadt in der Ukraine. Allerdings gibt sie zu: „Wenn ich zu Hause übte, waren meine Eltern natürlich beide immer da, ich musste niemals alleine üben. Sie haben dann auch versucht das umzusetzen, was die Klavierlehrerin gesagt hatte. Das schützt in jedem Fall die Beziehung zwischen Kind und Eltern.“

Der weitere Weg war ein eher typischer bis zum Alter von 18 Jahren: Spezialschule in Kharkov und dann der Weg aufs Konservatorium. Allerdings war die Aufnahmeprüfung für die Spezialschule später als üblich, da normalerweise Kinder bereits in jüngsten Jahren versuchen, dort aufgenommen zu werden. „Bei mir war das erst recht spät, da meine Eltern als Musiker beide sehr vorsichtig mit dem Thema ‚Musik als Beruf‘ umgingen. Sie wussten – und ich kann das heute nur bestätigen –, wenn man ohne Musik leben kann, dann sollte man das auch tun. Musik sollte man nur ausüben, wenn man sich niemals vorstellen könnte, ohne Musik zu leben. Das heißt, meine Eltern wollten erst einmal sicherstellen, dass ich eine gute Grundlagenausbildung erhalte, bevor ich dann mit 11 Jahren meine Aufnahmeprüfung an der Spezialschule machte.“ Dann allerdings veränderte sich das Leben drastisch für die junge Marina, erklärt sie: „Das war großartig: Plötzlich waren alle Kinder wie ich, alle waren Musiker. Dann beginnt auch ein gewisser Wettbewerb, der in diesem Alter noch sehr förderlich ist. Man will Programme spielen, die andere Kinder spielen und so weiter. Man beeinflusst sich in jedem Fall in positiver Art.“

Hatte Marina Baranova dann auch schon in der Ukraine Vladimir Krainev, ihren späteren Klavierprofessor, kennengelernt, der immerhin auch aus Kharkov stammte? „Ich war acht Jahre alt und besuchte ein Konzert mit Vladimir Krainev, in dem er ein Klavierkonzert von Prokofiew spielte. Ich hatte bis dahin wirklich tolle Musiker gehört, die alle gerne zu uns kamen. Aber bei Krainev hatte ich ein Gefühl, das ich zuvor noch nicht kannte: Als hätte er ein Kino im Kopf kreiert. Natürlich war er mir bekannt und er galt für uns ohne Frage ohnehin als ‚der Beste‘. Doch nach diesem Erlebnis überredete ich meine Eltern zu ihm hinter die Bühne zu gehen, um zu sehen, wie dieser große Musiker als Mensch ist. Ich sprach ihn gar nicht an, sondern beobachtete ihn nur, wie er geduldig Autogramme gab. Plötzlich bemerkte er mich und fragte: ‚Na, spielst du auch Klavier?‘ Ich sagte: ‚Ja.‘ Darauf meinte er: ‚Schön, wenn du fleißig bist und gut übst, dann darfst du, wenn du älter bist, bei mir studieren.‘ Das nahm ich als eine Art Versprechen.“ Sie lacht. Innerlich bedeutete dies für die junge Marina ein Ziel vor Augen zu haben. Und tatsächlich: „Als ich mit 18 Jahren dann in Moskau zu ihm kam, erwartete ich, dass er mich nun wiedererkennen würde“, erzählt sie lachend. „Aber er hörte mich an und fand es gut und bot mir an, bei ihm in Hannover zu studieren. Ein Jahr später machte ich dann die Aufnahmeprüfung in Hannover und begann mein Studium bei ihm.“ Es war bereits vorher klar, dass die gesamte Familie aus der Ukraine emigrieren würde, nach München. So war der Schritt nach Hannover für Marina Baranova mit 19 Jahren nicht zu groß. „Er war ein wahnsinnig großer Mensch, mit sehr vielen Schichten in der Persönlichkeit, die ich erst nach und nach verstehe. Allerdings war es auch nicht immer ganz einfach bei ihm. Man musste imstande sein, mit seiner Energie mitzuhalten.“ Die ersten beiden Examen hat Baranova dann auch bei Krainev in Hannover absolviert, das endgültige Konzertexamen dann nach seinem Tod im Jahre 2011.

Einflüsse
Schon früh lernte sie in Hannover auch den Musiker Damian Mahulets kennen, ihren heutigen Ehemann. Er war Oboist, war aber schon frühzeitig an den Bereichen Komposition und elektronischer Musik interessiert. Ist sie durch ihn stark beein-flusst worden? „Das ist schwer zu sagen“, erklärt sie nachdenklich, „ich war immer schon sehr an Improvisation interessiert, einer ganz hohen Form des Musizierens. Damian ist einer der Menschen, die einen unglaublichen Überblick über verschiedene Richtungen von Musik haben, mit tiefen Kenntnissen. Das hat es mir ermöglicht, den Blick beispielsweise auch in die Richtung elektronische Musik zu werfen, die ich bis dahin noch gar nicht kannte. Daneben auch Neue Musik, da ich seine Stücke gespielt habe und auch die seiner Kollegen.“ Daraus entstanden dann mit den Jahren zahlreiche sogenannte „Projekte“. „Ja, Damian hat wirklich fantastische Werke geschrieben, die oft für akustische und elektronische Instrumente geschrieben sind. Das hat eine Tiefe, die man als Musiker immer sucht.“ Das Wort „Crossover“ will sie ungern benutzen, da es so negativ belastet ist. „Wenn man in diesen Tiefen Musik erforscht, dann stellt man schnell fest, dass wir Musiker keine Genre-Grenzen benötigen, sondern eigentlich nur das Marketing von Musik benötigt diese Genres. Viele Projekte von Damian basieren auch auf Barockmusik, die aber mit vielen interessanten Inspirationen aus späteren Zeiten angereichert sind, aus der Moderne. Dabei entsteht auch beim Spiel ein unfassbar großes Gefühl, man spielt mit Elektronik zusammen und nimmt es so wahr, als würde man mit einem Orchester spielen, einem lebendigen Musikwesen.“

Marina Baranova ist begeistert von Ideen, die Musik anders erklingen lassen, als wir sie in den vorgegebenen Normen kennen, solange sie nur gut geschrieben und spannend bleibt.

Neue und eigene Wege
Wann hat Marina Baranova dann selbst das Bedürfnis gehabt, Stücke zu erfinden und aufzuschreiben? „Das ist eine interessante und schwierige Frage, die ich gerne ehrlich beantworten will. In meinem Studium – gerade bei Vladimir Krainev – war alles sehr akademisch. Krainev war der Meinung, dass man bei Wettbewerben mitmachen soll, jeder seiner Studenten sollte ungefähr das Gleiche machen, damit man erfolgreich sein kann. Auch ich habe das mitgemacht. Das tat mir nicht gut, auch wenn ich einen Preis gewonnen habe. Für mich fühlte es sich immer wie ein ‚blutiger‘ Preis an, denn es ging gegen meine Natur.“

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